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Gruppen-Coming-out am 17. Mai - Ein Interview mit Initiator Marcus Urban

Liebe raus an alle Sportsfreund*innen und an alle schwulen Männer! Die Zeiten gendern sich (um mal ein kleines Wortspiel zu bemühen). Der Paragraph 175 im Strafgesetzbuch kriminalisierte 123 Jahre lang schwule und bisexuelle Männer und legitimierte strafrechtliche Verfolgung. Erst 1994 wurde §175 StGB endgültig abgeschafft. Im Fußball der Männer ist Homosexualität jedoch noch immer ein Tabu. Doch daran soll sich spätestens am 17. Mai 2024 etwas ändern. 


Es gab die Aktion “Act out” im Schauspielbetrieb, “Out in Church” in der katholischen Kirche und der 17. Mai 2024 soll unter dem Titel “Sports free” in die Geschichte eingehen. Der 17. Mai ist der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (kurz IDAHOBIT). Just an diesem Tag ist ein Gruppen-Coming-out queerer Athlet*innen im Profisport geplant. Initiiert hat es Marcus Urban.



Marcus Urban ist Mitgründer von DIVERSERO, Ex-Profifußballer und schwul. Er spielte in der Jugendnationalmannschaft der DDR und beim Zweitligisten FC Rot-Weiß Erfurt. Während der Pubertät war Marcus das erste Mal in einen Mann verliebt - und hat sich dieses Gefühl nicht erlaubt: “Ich bin Fußballer, ich kann nicht schwul sein…” Doch er wollte sich nicht verstecken und beendete später seine Karriere als Kicker. 2008 erschien seine Biografie: „Versteckspieler: Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“.




__________________________________________ I N T E R V I E W M I T M A R C U S U R B A N


Noch immer hatte kein aktiver deutscher Fußballprofi in Deutschland sein Coming-Out. Woran liegt das?

M | Das liegt an teils schwierigen Gesprächen im Hintergrund, an den Leuten um die Spieler herum. Berater, Manager - nicht nur Männer, auch Berater*innen, die Ängste einimpfen. Sei es aus echter Fürsorge, aus Angst um die Personen - oder aus individuellen Interessen, wie Geld und Ruhm. Meiner Ansicht nach ist es aber eine Fehleinschätzung, dass Spieler im Stich gelassen werden, wenn sie offen schwul leben. Ich habe zwischen 2014 und 2020 in der Ü40 von Hertha BSC gespielt. Auch gegen FC Viktoria Berlin. Mein Team hat mich gefeiert und war stolz auf mich. Wir haben selbstverständlich und mit viel Fun unsere Unterschiedlichkeiten gelebt. Die Spieler von Viktoria Berlin wussten auch, dass ich schwul bin und das hat funktioniert. Für Sponsoren kann es keine besseren Testimonials geben für Authentizität, Integrität, Teamgeist. 


Warum ist es bei Frauen im Fußball offenbar kein Problem?

M | Frauen im Fußball wurde schon immer unterstellt, sie müssten lesbisch sein, um Fußball spielen zu können. Lesbisch wird oft gleichgesetzt mit hart genug für Auseinandersetzungen auf dem Platz. Lesbische Spielerinnen bestätigen also nur ein Vorurteil, dass es eh gab. Dadurch ist es etwas leichter. Außerdem ist die mediale Präsenz geringer, es fließen noch nicht so viele Gelder. Aber ich weiß auch von Frauen, die sich verstecken.


Vielleicht leiden Männer mehr unter dem Patriarchat, als ihnen bewusst ist…

M | Ja, ich bin ja auch ein weißer cis-Mann. Wir leiden quasi unter uns selbst. In der Erziehung lernen wir, hart zu sein, taff zu sein. Wir müssen alles können, wir müssen muskulös sein, Kriege führen - dieser ganze toxische Quatsch. Das spiegelt sich im Alltag wider. In Männerposen und Statussymbolen. Im Fußball geht es um Ruf und Reputation, um Geld. Man muss hetero sein, sonst kann man nicht dazu gehören.


Nach Hitzlspergers Coming-out vor 10 Jahren hieß es, jetzt müssten sich endlich auch aktive Profis “bekennen”. Warum wird die Verantwortung auf die Fußballer geschoben? Ist das nicht unfair?

M | Viele verstehen das Problem nicht und fordern ‘sag’s jetzt!’ So nach dem Motto, ‘wir wollen das jetzt endlich erledigen’. Aber es ist eine persönliche Entscheidung.


Was kannst du über den 17. Mai verraten?

M | Der 17. Mai ist ein Ende und ein Neustart. Er soll das Ende der Belastung und des Versteckens einleiten. Und gleichzeitig ein Neubeginn. 121 queere Sportgeschichten aus 32 Sportarten rund um den gesamten Globus haben wir gesammelt, die nach und nach erzählt werden. Ob schwule Nationalspieler, Premier League-Spieler, Akteure aus der österreichischen Bundesliga, Trainer, Schiedsrichter, Mitarbeitende von Vereinen - wir bieten eine digitale Plattform, wo alle Beteiligten - ob mit Bild oder Text - ihre Geschichte erzählen können. Aber nicht nur am 17. Mai! Jeder 17. eines jeden Monats soll zum Sports Free Day werden.


Eigentlich wollen wir alle ja 365 Tage im Jahr frei leben…

M | Ja! Deshalb wollen wir etwas Nachhaltiges schaffen. Es geht generell um Gesundheit, dass man in seine eigene Kraft kommt, als Person wahrgenommen wird und selbstbestimmt leben kann.


Wie leicht oder schwer war es, aktive Fußballer zum Mitmachen zu bewegen?

M | Die Vorarbeit war schwer. Ich war psychisch und physisch vergiftet nach Fußball. Doping, Mobbing, Gewalt, Missbrauch, mich verstecken müssen. Es war hart, das alles aufzuarbeiten.Danach musste ich neu anfangen und konnte mir nicht vorstellen, welche Ausmaße das annimmt. Seit meinem Coming-out 2007 habe ich Namen bekommen. Doch die Frage war, wie finde ich Leute, die nicht gefunden werden wollen? Wie muss das Projekt sein, damit es eine Orientierung bietet, aber nicht aufdringlich oder übergriffig ist. Daran habe ich 17 Jahre gearbeitet. Ich habe Workshops bei der Polizei gegeben, bei der Feuerwehr, in Schulen, bis ich 2021 die richtigen Leute getroffen habe. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, um diese Mission durchführen zu können. So ist das Projekt Diversero entstanden, eine globale Diversity NGO.


Wenn du auf deine eigene Fußballlaufbahn blickst - wärst du gerne heute Profi?

M | Das kann ich mir gut vorstellen mit dem Selbstbewusstsein, das ich heute habe. Heute weiß ich, was ich kann. Damals war ich traurig, meinen Lebenstraum aufgeben zu müssen. Ich bin in ein Loch gefallen, hatte keine Orientierung und Existenzängste.


Was wünschst du dir für nachfolgende Generationen?

M | Dass sie frei ihre Liebe leben können!



Mehrere Bundesligisten unterstützen "Sports Free", darunter Borussia Dortmund, der VfB Stuttgart, der SC Freiburg und der FC St. Pauli. Hier kann man spenden:

www.diversero.org/de/sports-free/ ______________________________

Was würde wohl geschehen, wenn sich nur ein aktiver Bundesligaspieler öffentlich zu seiner Homosexualität bekennen würde? Würde das nicht auch eine Strahlkraft über den Sport hinaus entwickeln? Wäre es irgendwann möglich, das Patriarchat und die mit ihm verbundenen Geschlechts- und Rollenstereotype zu überwinden, unter denen Frauen und Männer gleichermaßen leiden? Noch klingt es wie eine Utopie. Machen wir sie zur Realität und packen es an. Gemeinsam!


Mehr zum Thema

> Unser Blogbeitrag "Homophobie hat im Fußball nichts zu suchen" u.a. mit Stimme von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, der nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn im Januar 2014 sein Coming-out wagte.


> Die Amazon-Doku "Das letzte Tabu" beleuchtet das Thema Homosexualität im Männerfußball und zeigt Fortschritte und Barrieren.


> Wie können Vereine oder Verbände Spieler*innen und Mitarbeitende, die mit ihrer sexuellen Orientierung offen und selbstverständlich umgehen möchten, unterstützen? Dazu gibt es eine Infobroschüre vom DFB. 


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