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K.o.-Tropfen im Stadion

In der linken Hand eine Stadionwurst, in der rechten ein Kaltgetränk und der Sonntag ist gerettet. So sieht eine heile Fußballwelt aus. Doch offenbar ist ein Stadionbesuch manchmal alles andere als sicher. Vor allem für weibliche Fans. Bei Spielen in der Männer-Bundesliga gab es in den vergangenen Monaten gleich mehrfach den Verdacht, dass K.o.-Tropfen gegen Frauen eingesetzt wurden.


K.o.-Tropfen können zu Bewusstlosigkeit und Gedächtnislücken führen und sind schwer nachweisbar. Die meist farb- und geruchlosen Tropfen kommen häufig bei Sexual- oder Raubdelikten zum Einsatz.


Nach dem Bundesligaspiel zwischen dem SC Freiburg und der TSG Hoffenheim Mitte März erstatteten mehrere Fans Strafanzeige, weil ihnen K.-o.-Tropfen verabreicht worden sein sollen. Der SC Freiburg warnte daraufhin öffentlich auf seiner Homepage vor möglichen Übergriffen. Ganz wichtig sei, keine offenen Getränke von Unbekannten anzunehmen. Nach Verdachtsfällen in der Ostkurve bittet auch Werder Bremen seine weiblichen Fans um Aufmerksamkeit. Bei plötzlich auftretenden Symptomen sollten die Sanis oder die Mitarbeitenden des Awareness-Teams kontaktiert werden.



Werder Bremen Fans beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen

(Credit: Cathrin Müller / Getty Images)




Aber mit der Awareness ist es so eine Sache. Der SC Freiburg registrierte im vergangenen Jahr zwei bis drei Fälle. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich weitaus höher. Zumindest was Vorfälle sexualisierter Gewalt im Stadion angeht, sieht der Berliner Politikwissenschaftler und Fan-Forscher Jonas Gabler keine Zunahme. "Ich glaube aber, dass in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit dafür sehr gestiegen ist" (dpa).


Was überrascht, ist, dass solche Vorfälle im Stadion niemanden so wirklich überraschen. Zumindest nicht die Leute, die sich damit auskennen. Oder doch?


"In der Fankultur geht es traditionell robust zu, gewisse Grenzüberschreitungen, Beleidigungen, beispielsweise im Zusammenhang mit Schmähgesängen gegenüber dem Gegner, den gegnerischen Fans gehören zur Folklore des Fußballs", sagt Harald Lange, Leiter der Fan- und Fußballforschung der Universität Würzburg. Vorfälle mit K.o.-Tropfen seien “in gewisser Weise erschreckend, aber im Grunde auch naheliegend, weil der Fußball letztlich auch nur ein Abbild der Gesellschaft - mit allen Highlights, aber auch negativen Entwicklungen ist” (dpa).


Offenbar herrscht immer noch die traditionell männlich-dominierte Oldschool-Fußball-Kultur, bei der die Enthemmung durch Alkohol und sexistische Sprüche oder sexualisierte Gewalt Teil davon sind. Anders lässt sich nicht erklären, warum die Vereine lange weggeschaut haben. Doch inzwischen scheint ein langsames Umdenken stattzufinden. Einige Bundesliga-Klubs haben Codewörter eingeführt, mit denen Frauen unauffällig und ohne lange Erklärungen bei Ordner*innen Hilfe anfordern können.


Beim SV Werder Bremen lautet der Code zum Beispiel „Kennst du Mika?", beim VfB Stuttgart ist es „Das Dächle". „Luisa ist hier" soll bei Bayer 04 Leverkusen für Hilfe sorgen. Beim VfL Wolfsburg und Borussia Dortmund fragt man “Wo geht's nach Panama?” und bei Hertha BSC „Wo ist Lotte?". Bleibt zu hoffen, dass betroffenen Frauen in der Schrecksekunde eines Übergriffs die passende Parole einfällt und sie überhaupt den Mut finden, die Hemmschwelle zu überwinden und den Vorfall zu melden.


Herthas Team-Lotte ist übrigens an den pinken Westen zu erkennen und soll bei sexistischen, rassistischen oder queerfeindlichen Übergriffen einen Rückzugsort und eine psychosoziale Notfallbetreuung bieten.


Schließlich wollen Vereine Frauen und Familien für den Stadionbesuch gewinnen. Aber um das Fußballstadion zu einem sicheren Ort für alle zu machen, ist wohl noch einiges zu tun. Feste Anlaufstellen für Opfer von Sexismus und sexualisierter Gewalt sind in Stadien noch eine Seltenheit. Laut einer Umfrage der Sportschau unter den 54 deutschen Proficlubs haben gerade mal vier Vereine eine solche Anlaufstelle eingerichtet. Unter anderem der FC Augsburg.


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