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Themen, die Viktoria bewegen: New Work

Virtuell, hybrid, flexibel – Die Arbeitswelt erlebt eine Zeitenwende. Und das nicht erst seit gestern. Laut des Begründers von New Work, Sozialphilosoph Frithjof Bergmann, soll es im Beruf darum gehen, eine Tätigkeit auszuüben, die „ich wirklich, wirklich will“.


Verena Pausder FC Viktoria Berlin


„Fußball auf allerhöchstem Niveau ist wie eine Waschmaschine: Man spielt die ganze Zeit und hört nie auf.“

(Credit: LP/Arnaud Journois)





Der Abwehrspieler Raphaël Varane hat mit nur 29 Jahren seinen Rücktritt aus Frankreichs Nationalteam bekannt gegeben. Wegen übervoller Trainingspläne habe er das „Gefühl zu ersticken“. Vielleicht ist New Work in seiner Mannschaft noch nicht angekommen?


New Work befeuert ein neues Verständnis von Arbeit und eine neue Wertschätzung. Arbeit soll selbstverwirklichend und sinnerfüllend sein. Menschen sollen ihre Freiheit (zurück)erlangen und sich bitteschön auch als Persönlichkeiten weiterentwickeln. Der Fokus liegt nicht mehr nur auf Produktivität, sondern auch auf individueller Entfaltung. Zwar schon mit Einsatz, aber am liebsten doch eher in einer 20-30 Stunden- bzw. 4-Tage-Woche. Hat sich das auch im Fußball-Business rumgesprochen?


Was bedeuten Werte wie Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Entwicklung und soziale Verantwortung konkret für ein Fußballteam? Ein Interview mit Sportmanager, Theologe und Wirtschaftscoach Michael Micic. Er war beim 1. FC Köln erster Life-Coach im deutschen Fußball. Themen wie Ethik im Sport und Humanismus in der Arbeitsgesellschaft beschäftigen den studierten Theologen, Sportmanager und zertifizierten Coach in Wirtschaft und Sport noch heute.


FC Viktoria Berlin Founders



“Die Coachingzone im Fußball ist eher eine Guidingzone”






INTERVIEW MIT MICHAEL

Wo mit dem Label „New Work“ geworben wird, finden sich häufig schicke Coworking-Spaces, werden agile Methoden und moderne Visualisierungstechniken genutzt – und auf Convenience geachtet. Wie lässt sich das auf den Sport Übertragen?


M | Ich habe meine Zweifel, ob überall dort, wo „New Work“ draufsteht, auch tatsächlich das drin ist, was der Erfinder dieses Begriffs, Frithjof Bergmann, damit gemeint hat. Denn Bergmann ging es ja nicht in erster Linie um neue Arbeitsräume, Methoden und Techniken, sondern zentral um die Frage: Was willst du wirklich, wirklich machen? Das muss sowohl im Wirtschafts-, wie auch im Sportbereich der Ausgangspunkt sein, wenn wir über New Work bzw. New Sport sprechen. Eine scheinbar simple Frage, auf die aber viele keine Antwort wissen, weil es so viele Angebote gibt oder sie sich bislang einfach nicht damit auseinandergesetzt haben, was sie selbst wirklich, wirklich wollen und wofür sie sich begeistern können und einzusetzen bereit sind. Das heißt, dass ich als Führungskraft oder als Trainer*in Talente in diesem Prozess des Herausfindens und Umsetzens begleiten muss.


Es geht darum, Betroffene zu Beteiligten zu machen und sie in ihrer Selbstverwirklichung und Potenzialentfaltung zu stärken, anstatt ihnen meine Ziele und Vorgaben überzustülpen. Das muss aus meiner Sicht der Ansatz sein – in der Wirtschaft wie im Sport. Für mich gibt es drei zentrale Begriffe, wenn es um das Führen und Entwickeln von Einzelpersonen und Teams geht: Motivating - Coaching - Guiding.


Es fängt damit an, dass ich als Führungskraft oder Trainer*in selbst motiviert bin und die individuelle Motivationssprache meines Gegenübers kenne und spreche – also der Person, für die ich eine Verantwortung habe und die ich fördern soll und von der ich auch eine gewisse Leistung möchte. Das Coaching dockt da an. Es ist wichtig, dass ich eine fragende, offene Haltung mitbringe. In Athletic Bilbaos Akademie in Spanien gibt es z.B. ein Training für Trainer*innen, um das einzuüben. Und zwar ein Geduldstraining!


Anstatt den Spieler*innen ständig vorzugeben, was sie wann zu tun haben, sollen die Trainer*innen eher durch Fragen führen und Spieler*innen helfen, selbst verschiedene Lösungen zu kreieren. Das ist oft anstrengend und dauert, aber es fördert die Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortung und Emanzipation der Spieler*innen.


Die dritte Säule ist das Guiding. Es gibt Situationen, da kann ich als Trainer*in nicht fragen, sondern muss klare Anweisungen geben. Bei anspruchsvollen Bergwanderungen gibt es ja beispielsweise auch einen Tourguide, der dein Überleben sichert, wenn es sein muss. Der sagt: Ihr könnt machen, was ihr wollt, aber oben an diesem schmalen Grat, da macht ihr genau das, was ich sage und ich bring euch durch diese schwierige Situation! Wenn Trainer*innen im Spiel reinrufen und Anweisungen geben, machen sie genau das. Streng genommen ist die sogenannte Coachingzone im Fußball also eher eine Guidingzone.


Für mich besteht die Kunst des Führens von Einzelpersonen und Teams im Sinne von New Work bzw. New Sport darin, unterscheiden zu können, wann es Motivating, Coaching oder Guiding braucht. Ich kann nicht immer nur fordern und vorgeben, sondern muss auch fragen und fördern. Wenn du als Trainer*in deine Spieler*innen nicht fördern kannst, dann steh ihnen wenigstens nicht im Weg!


Der Wille ist ja da. Es gibt Trainer*innen, die gerne Tag und Nacht für ihren Verein arbeiten, Ex-Profis, die für ein Taschengeld als Assistenztrainer*in arbeiten. Welche Herausforderungen gibt es noch, um New Work im Sport mehr zu etablieren?


M | Ja, viele Trainer*innen machen einen tollen Job und hängen sich voll rein. Insgesamt kann der Sport und speziell der Fußball aber noch viel von den Entwicklungen lernen, die sich seit ein paar Jahren in der Wirtschaft im Zusammenhang mit New Work zeigen, z.B. sich stärker mit den aktuellen und sich verändernden Lebenswelten junger Menschen auseinanderzusetzen. Was sind die Bedürfnisse in den jeweiligen Altersgruppen? Denn, wenn meine Peergroup 24/7 einkauft, sich digital überall einwählt und jederzeit ihre Meinung posten kann, auf der anderen Seite aber feste Trainingszeiten existieren, zu denen alle da zu sein haben, ist es fast ein Anachronismus! Der Fußball könnte, wie im Hockeysport, klassisch vorgegebene Trainingseinheiten reduzieren und viel mehr Möglichkeiten des individuellen Trainings geben. Vielleicht mal von zu Hause aus üben, auch über kognitive Lernformate.


Welche Rolle spielt dabei Feedback von unten, von den Spielenden in Richtung Trainer*in und Management?


M | Wenn jemand bottom-up ein Interview gibt, das der Führungsriege nicht passt, wird es oft schwierig.


(Siehe Manuel Neuer Interview „Ich hatte das Gefühl, mir wird mein Herz rausgerissen“)


Im besten Fall ist es ein Miteinander, dass man darüber spricht: Was brauchst du – was brauchen wir als Verein? Das übergeordnete Ziel muss sein, Beteiligung und Transparenz zu schaffen, gemeinsame Werte zu formulieren, die nicht nur irgendwo stehen und keiner kümmert sich mehr darum, sondern daraus ein living document zu machen, das auch angepasst und modernisiert werden kann. Die Frage, wie wir gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten wollen, erfordert eine große Offenheit, Kommunikations- und auch Kritikfähigkeit.


Ein medienträchtiger, finanzstarker Profifußball hat natürlich ganz andere Mittel. Da sind die Trainingszentren und Wettkampfarenen modern und groß. Viktoria hat das Problem, dass alles denkmalgeschützt und alt ist. Schließen sich Regionalliga und New Work aus?


M | Natürlich sind die Rahmenbedingungen und Handlungsspielräume in der Regionalliga schwieriger und enger als in der Bundesliga und 2. Bundesliga. Trotzdem braucht es auch hier gute Trainings- und Wettkampfbedingungen, um langfristig etwas entwickeln und sportlich erfolgreich sein zu können. Das ist die Basis.


Darüber hinaus kann ich aber auch schon in der Regionalliga ein neues Mindset entwickeln und mit den Dingen, die ich vorhin beschrieben habe, als gutes Beispiel vorangehen und den Fußball bottom-up prägen und verändern. Ich glaube, dass man das bei einem Klub wie Viktoria Berlin schafft. Mit solchen Ambitionen, mit so einer Bekanntheit und Power im Hintergrund, diesen Frauen, die in verschiedensten Bereichen schon bewiesen haben, dass sie wirklich Dinge anders machen und Vorreiterinnen sein wollen – für eine andere Art, Fußball zu leben.


Es geht praktisch durch das Nadelöhr Viktoria Berlin. Es geht nicht nur um das Ansehen von Viktoria Berlin, sondern vielleicht sogar um das Ansehen einer ganzen Stadt. Wenn man als Verein so viele Stakeholder wie möglich dazu holt, die an den entsprechenden Positionen sind, um den Sportstättenbau voranzutreiben, um Sponsoringpartner*innen zu sein, dann kann man gemeinsam nicht nur für diesen Verein, sondern für die ganze Stadt und die gesamte Gesellschaft etwas Gutes schaffen!


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