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Wie Frauenfussballvereine die Videoanalyse nutzen, um professionelle Strukturen aufzubauen

  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Text von: Frederik Hvillum (Veo)


Mario Nurtsch, Videoanalyst beim FC Viktoria Berlin, erklärt, warum ein Bild mehr als tausend Worte sagt, weshalb es in der 2. Bundesliga oft noch an festen Analysten fehlt und wie Video den Weg des Frauenfussballs in die volle Professionalisierung beschleunigt.


Mario Nurtsch lebt in Bayern, rund 500 Kilometer vom Trainingsgelände des FC Viktoria Berlin entfernt. Er arbeitet in Teilzeit für den Verein, während er hauptberuflich im Bereich Business Analytics bei einer Versicherung tätig ist. Dennoch ist er einer der Hauptverantwortlichen dafür, wie sich das Team auf jedes Spiel vorbereitet.


Diese Konstellation sagt viel darüber aus, wo der Frauenfussball aktuell steht: professionell genug, um einen eigenen Videoanalysten zu brauchen, aber noch nicht weit genug, damit dieser Analyst Vollzeit vor Ort arbeiten kann. Der FC Viktoria Berlin arbeitet aktiv daran, diese Lücke zu schliessen.


Der Verein ist am Ende der letzten Saison in die 2. Frauen-Bundesliga aufgestiegen und hat seitdem eine Trainer- und Supportstruktur aufgebaut, die die meisten Clubs auf diesem Niveau nicht haben. Die Videoanalyse steht dabei im Mittelpunkt.


Was ein Videoanalyst im Frauenfussball eigentlich macht

Marios Woche verläuft auf zwei parallelen Schienen. Die erste ist rückblickend: Nach jedem Spiel wertet er die Aufnahmen aus, um ein Bild davon zu bekommen, was funktioniert hat und was nicht – gemessen am Matchplan des Teams. Die zweite Schiene ist zukunftsorientiert: Bis Montagabend muss er eine vollständige Gegneranalyse an Cheftrainerin Miren Ćatović und das Trainerteam liefern.


Die Deadline am Montag steht fest. Das Ergebnis ist ein Paket, das Videoclips, ein schriftliches Handout zu den Offensiv- und Defensivmustern sowie den Umschaltmomenten des Gegners und ein Dokument zur Team-Vision enthält. Letzteres erklärt den taktischen Ansatz für die kommende Woche. Die Analyse von Standardsituationen, also Ecken und Freistösse, übernimmt Co-Trainerin Anouk Dekker.


Am Dienstag gehen Mario und Miren die Analyse gemeinsam durch. Dabei klären sie die Frage, ob das Training der Woche an den kommenden Gegner angepasst werden soll oder ob man sich enger an den eigenen Prinzipien des FC Viktoria Berlin orientiert. Die Antwort lautet meistens: beides.


„Wir haben Abläufe, die wir spielen wollen“, sagt Mario. „Wir wollen unser eigenes Spiel aufziehen, müssen aber je nach Gegner flexibel sein.“




Im Sommer 2023 gaben Veo und der FC Viktoria Berlin ihre Partnerschaft bekannt. Das bedeutet, dass der Verein alle Spiele mit den KI-Kameras von Veo aufzeichnen wird. Wir haben den Club besucht, um mehr über die einzigartige Struktur zu erfahren und darüber, wie sie den Weg für den Frauenfussball in Berlin ebnen.


Das dreiminütige Gespräch, das die Halbzeit prägt

Wenn Mario persönlich bei einem Spiel dabei ist, findet der wichtigste Moment seiner Arbeitswoche in den drei oder vier Minuten direkt nach dem Abpfiff der ersten Halbzeit statt. Während das Team in die Kabine geht, tauschen sich Mario und Miren aus.


Mario hat das Spiel von der Tribüne aus beobachtet und dabei Formationsänderungen, Wechselmuster und alles analysiert, was vom ursprünglichen Plan abweicht. Diese Informationen gibt er an Miren weiter. Er hört zu, gleicht sie mit seinen eigenen Eindrücken der ersten 45 Minuten ab und spricht dann zur Mannschaft. Der gesamte Austausch dauert kürzer als eine typische taktische Auswechslung.


Wenn Mario das Spiel aus der Ferne in Bayern verfolgt, ist der Prozess etwas improvisierter. Er verfolgt den Livestream, macht Screenshots, erstellt kurze Clips und schreibt eine einseitige Zusammenfassung mit seinen Beobachtungen zu Offensive, Defensive und Umschaltmomenten. Dieses Dokument geht noch während der ersten Halbzeit per WhatsApp-Gruppe an Miren und das gesamte Trainerteam.


Dass dieses Modell funktioniert, liegt an dem grossen Vertrauen zwischen den beiden. Mario und Miren haben schon vor ihrer Zeit beim FC Viktoria Berlin zusammengearbeitet und teilen die gleiche Fussballphilosophie. „Wir haben das gleiche Spielverständnis“, sagt Mario. „Das macht alles einfacher.“



Warum Gegneranalyse immer noch Handarbeit ist

Für die eigenen Spiele des FC Viktoria Berlin nutzt Mario das Aufnahmesystem von Veo. Die Kameraperspektive von oben liefert ihm genau den taktischen Blick, den er braucht: Er sieht, wie sich das Team kollektiv bewegt, wo Räume entstehen und ob die einzelnen Spielerinnen den Matchplan umsetzen. Er kann direkt zu bestimmten Szenen springen, statt die vollen 90 Minuten am Stück sehen zu müssen, und so gezielt Clips für die Mannschaftssitzungen erstellen.


Bei der Gegneranalyse sieht die Sache anders aus. In der 2. Frauen-Bundesliga gibt es keine gemeinsame Videoplattform. Die Vereine erhalten nur das Material ihrer eigenen Spiele. Um zu verstehen, wie ein kommender Gegner spielt, ist Mario auf Livestreams angewiesen. Diese werden jedoch aus der Standard-Perspektive für Fans gefilmt und nicht aus der Sicht eines Analysten.


„Man sieht nicht, wie sie sich bewegen. Man sieht die Räume nicht“, sagt er. „Das ist die grösste Herausforderung.“


Wenn der TV-Winkel nicht ausreicht, scoutet Mario persönlich vor Ort. Vor dem Pokalspiel gegen Bochum zu Beginn der Saison reiste er extra zu einem Freundschaftsspiel, da kein Videomaterial verfügbar war. Das Gleiche macht er beim Spielerscouting: Er besucht Ligaspiele, um potenzielle Neuzugänge live unter die Lupe zu nehmen.


Diese Übergangslösung funktioniert zwar, zeigt aber eine strukturelle Lücke in der gesamten Liga auf. Marios Hoffnung ist klar: Dass sich die Vereine irgendwann darauf einigen, ihr Spielmaterial über eine gemeinsame Cloud-Plattform zu teilen, damit alle Analysten eine echte taktische Sicht auf jeden Gegner haben. Das würde eine Vorbereitung in der Qualität ermöglichen, wie sie derzeit nur machbar ist, wenn man in der Saison schon einmal gegen das Team gespielt hat und eigenes Veo-Material besitzt.



Wie Veo den Analysten des FC Viktoria Berlin einen Vorsprung verschafft

Die KI-gesteuerte Kamera von Veo wird auf einem Stativ am Spielfeldrand aufgestellt und nimmt das gesamte Spiel autonom auf – ein Kameramann ist nicht nötig. Dank Computer Vision folgt sie dem Ball und den Spielerinnen im gesamten taktischen Bildausschnitt und liefert so eine weite Draufsicht, die herkömmliche TV-Kameras nie zeigen. Das Material wird innerhalb weniger Stunden nach Abpfiff automatisch auf die Veo-Plattform hochgeladen.


Für Mario, der in Bayern 500 Kilometer von Berlin entfernt sitzt, ist das ein direkter Vorteil. Sobald der Upload fertig ist, hat er Zugriff auf die gesamte Aufnahme. Er kann zu bestimmten Spielphasen springen und sofort damit beginnen, die Clips für die Gegneranalyse am Montag zu erstellen – ohne darauf warten zu müssen, dass ihm jemand physisch das Material schickt oder Dateien exportiert.


Auf der Plattform arbeitet er mit den Tagging- und Clipping-Tools von Veo, um genau die Momente zu isolieren, die für den Matchplan des FC Viktoria Berlin entscheidend sind: Ein defensives Umschaltspiel, das nicht funktioniert hat. Ein Pressing-Auslöser, den das Team gut umgesetzt hat. Oder ein individueller Stellungsfehler, den man im Einzelgespräch thematisieren sollte. Was früher Stunden gedauert hätte, um 90 Minuten Material zu sichten, ist jetzt in einem Bruchteil der Zeit erledigt.


„Ich nutze die Funktionen, weil die Perspektive einfach super ist“, sagt Mario. „Man sieht, wie sich das Team bewegt. Man sieht den Raum. Das ist genau das, was man für eine echte Analyse braucht.“


Genau diese Perspektive fehlt ihm, wenn er für die Gegneranalyse auf Livestreams ausweichen muss. Die fanorientierte Kamera folgt dem Ball, schneidet zwischen Totalen und Nahaufnahmen hin und her und verliert dabei genau die kollektiven Bewegungen und räumlichen Informationen, auf die es in der taktischen Vorbereitung ankommt. Der feste Weitwinkel von Veo fängt hingegen alles ein.


Der Unterschied zwischen der Arbeit mit Veo-Material und einem Livestream ist der Unterschied zwischen präziser Vorbereitung und Mutmassungen. Wenn Veo verfügbar ist, ist die Analyse exakt. Wenn nicht, scoutet Mario persönlich. Da die 2. Frauen-Bundesliga noch keine gemeinsame Plattform hat, bleiben für die Analyse der Gegner oft nur der Livestream oder der Platz im Stadion.


Seine Hoffnung ist simpel: „Ich hoffe, dass alle Teams ihre Aufnahmen in eine Cloud stellen, damit wir alle Spiele aus der richtigen Perspektive sehen können“, sagt er. „Dann kann ich dem Trainerteam die wirklich richtigen Informationen geben.“ Die Veo-Plattform erledigt das für die eigenen Spiele des FC Viktoria Berlin bereits heute. Der Rest der Liga muss hier noch aufholen.



Warum Video die Kommunikation mit den Spielerinnen verändert

Die Video-Sessions mit den Spielerinnen beim FC Viktoria Berlin dauern etwa 20 Minuten. Das ist ein bewusst gesetztes Zeitlimit. Die Spielerinnen wollen auf dem Platz stehen und nicht im Videoraum sitzen – und Mario respektiert das. Entscheidend ist, dass die Zeit für Material genutzt wird, das direkt mit dem Matchplan verknüpft ist, statt nur allgemeine Beobachtungen zu teilen.


Die Video-Session ist in thematische Blöcke unterteilt: Offensive, Defensive, Umschaltspiel. Die Spielerinnen erhalten sowohl die Videoclips als auch ein gedrucktes Handout, das sie mit nach Hause nehmen und in Ruhe noch einmal durchgehen können.




Der Grund, warum Videoaufnahmen in diesen Gesprächen so wichtig sind, ist, dass sie eine ganz bestimmte Art von Reibung eliminieren. Die Erinnerung einer Spielerin an ein Spiel ist subjektiv. Sie hatte das Gefühl, richtig zu stehen. Sie dachte, der Pass sei machbar gewesen. Video liefert objektive Beweise, die diese Wahrnehmung entweder bestätigen oder korrigieren.


„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, erklärt Mario. „Wenn du mit Spielerinnen sprichst und es auf Video zeigst, gibt es keine Diskussionen über unterschiedliche Sichtweisen. Man kann objektiv darüber sprechen. Und es gibt keine Emotionen.“


Die Spielerinnen haben diese Logik verinnerlicht. Wenn das Trainerteam verkünden würde, die Video-Sessions einzustellen, würden die Spielerinnen laut Mario nach dem Warum fragen. Die Sitzungen sind mittlerweile etwas, das das Team als Teil der Arbeitsweise eines Proficlubs fest erwartet.



Wo der FC Viktoria Berlin im Gesamtbild des wachsenden Frauenfussballs steht

Der FC Viktoria Berlin wurde 2022 gegründet, als ein sechsköpfiges Gründerinnen-Team die Frauenabteilung des FC Viktoria 1889 Berlin übernahm und als völlig eigenständiges Unternehmen ausgliederte. Es gibt kein Männerteam darüber, keine historischen Hierarchien, die man berücksichtigen müsste. Das Frauenteam ist das eigentliche Ziel. Diese Struktur hat es dem Verein ermöglicht, schnell und zu eigenen Bedingungen professionelle Strukturen aufzubauen – und die Videoanalyse ist einer der deutlichsten Ausdrücke davon.


Der Frauenfussball in Deutschland wächst, aber die volle Professionalisierung in der gesamten Liga bleibt ein Prozess. Es fliesst mehr Investment. Mehr Vereine schaffen strukturierte Rollen im Betreuerstab. Aber dedizierte Videoanalysten sind auf dem Niveau der zweiten Liga immer noch selten.


Marios Rolle als Videoanalyst ist ein kleiner, aber sichtbarer Teil dessen, was der FC Viktoria Berlin aufbaut. Die meisten Clubs auf seinem Level haben keinen eigenen Analysten. Dort übernehmen die Cheftrainer die Analyse selbst – neben ihren anderen Aufgaben und ohne eine zusätzliche Perspektive von aussen.


„Andere Teams haben keine Strukturen und nicht die Zeit, es so zu machen wie wir“, sagt Mario. „Das ist für uns der nächste Schritt, und der ist wirklich wichtig.“



Die Gewohnheiten schaffen, die Professionalität erfordert

Die Logik hinter der Videoanalyse im Frauenfussball ist simpel: Spielerinnen, die ihre eigene Leistung sehen, die ihre Gegner verstehen, bevor sie auf sie treffen, und die objektives Feedback zu ihren Entscheidungen erhalten, entwickeln sich schneller. Die Vereine, die in diese Infrastruktur investieren, verschaffen sich einen Vorteil gegenüber denen, die es nicht tun.


Beim FC Viktoria Berlin gehören diese Gewohnheiten bereits zum Alltag. Die Frage ist nun, ob der Rest der 2. Frauen-Bundesliga nachziehen wird.



 
 
 

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